Grußwort
Es gibt Gesten, die älter sind als die Sprache. Dazu gehört auch der Handschlag.
Auch in den internationalen Beziehungen wird Frieden nicht allein durch Verträge geschaffen. Wo Verhandlungen gelingen und eine Vereinbarung getroffen wird, steht am Ende oft ein Handschlag. Handschlag besiegelt das Vereinbarte. Denn der Vertrag regelt das Recht, aber der Handschlag soll das Vertrauen zum Ausdruck bringen. Seit Jahrhunderten steht der Handschlag symbolisch auch für Verständigung und Verantwortung. Wer einem anderen die Hand reicht, der kann in diesem Moment keine Waffe in der Hand halten. Es ist also ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung, des Respekts und der Bereitschaft, einander auf Augenhöhe zu begegnen.
Gerade in einer Zeit, die von Kriegen, gesellschaftlicher Polarisierung und wachsendem Misstrauen geprägt ist, gewinnt diese Symbolik an Bedeutung. Zugleich werden durch digitale Kommunikation und Künstliche Intelligenz persönliche Begegnungen zunehmend ersetzt. Umso wichtiger bleibt der unmittelbare menschliche Kontakt. Der Handschlag erinnert uns daran, dass Vertrauen nicht durch Algorithmen entsteht, sondern durch die Begegnung von Menschen.
Das internationale Kunstprojekt „Hand Schlag“ macht deutlich, dass Verständigung kein abstrakter Begriff ist. 37 Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zeigen aus ihrer eigenen Perspektive, wie vielfältig die Bedeutung dieser Geste sein kann. Ihre Werke laden dazu ein, über Vertrauen, Verantwortung und das Miteinander nachzudenken. Gerade dort, wo Verständigung nicht selbstverständlich ist. Kunst kann Konflikte nicht lösen, aber sie schafft Räume, stößt Nachdenken an und lädt ein, einander zu begegnen. Und jede Begegnung beginnt mit einer einfachen Geste, mit der Bereitschaft, dem anderen Menschen die Hand auszustrecken.
HAND SCHLAG
Ein (gelungener) Handschlag ist Ausdruck, Symbol und Seismograph für Werte wie Vertrauen, Anstand, Wahrhaftigkeit und Fairness, die unsere Gesellschaft, uns Menschen tragen.
Normalerweise konnte mensch sich darauf verlassen, dass der Handschlag klappt, dass eine Verbindung unter Menschen zustande kommt. Diese Selbstverständlichkeit besteht nicht mehr. Wir müssen darum bangen, dass Verbindung glückt. Wir können nicht davon ausgehen, dass Menschen gut zueinander sind. Dass sie sich ernsthaft bemühen, eine Basis für Verständigung zu legen. Der Handschlag ist normalerweise der erste Schritt zur Verständigung. Der einvernehmliche Startpunkt für die weitere Kommunikation. Auch wenn die weitere Kommunikation möglicherweise in eine Auseinandersetzung mündet, so hat mensch mit dem Handschlag zu Beginn der Kontaktaufnahme dem Gegenüber Respekt gezollt. "Ich sehe dich, ich erfasse dich. Ich spüre deinen (Hände-)Druck. Ich nehme dich und deine Beweggründe wahr und ernst."
Verbindlichkeit und Vertrauen symbolisiert die zur Begrüßung ausgestreckte Hand. Selbstverständlich und automatisch ergreift sie die Hand des Gegenübers in friedlicher Absicht, denn mit dem Handschlag zeigen sich zwei Menschen, dass sie sich ohne Waffen begegnen. Sie zollen sich gegenseitig Respekt. Dies ist unabdingbare Grundlage für ergebnisoffene Verständigung zur Klärung von Konflikten. Auch im Großen, unter Gruppen, Gesellschaften und Staaten mit unterschiedlichen Interessen, ist Verlässlichkeit und Transparenz die Voraussetzung für konstruktive Kommunikation.
Doch was passiert, wenn die ausgestreckte Hand ins Leere läuft? Wenn der andere das Angebot der Kontaktaufnahme ablehnt und sich weigert, in die Hand einzuschlagen. Wenn der Versuch der Verständigung von vornherein mit einer Geste der Ablehnung, mit Verunsicherung und Verwirrung beantwortet wird. Diese Störung führt zu Enttäuschung und Angst, zu Hass, Aggressivität und Chaos. Der erste Schritt hin zu einem zugewandten, konstruktiven und verständnisvollen Miteinander, im Kleinen wie im Großen, sind zwei Hände, die einschlagen und damit Sicherheit und Verbindlichkeit vermitteln.
37 Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland, Polen, der Ukraine, dem Iran, der Türkei, Japan und Italien haben je eine Arbeit – die meisten davon exklusiv für dieses Kunstprojekt – beigesteuert und zeigen in ihrer Bildsprache, ihrem Stil, in ganz unterschiedlichen Techniken und Formaten ihre Gedanken und Überlegungen zu diesem vielschichtigen Thema und seinen so unterschiedlichen Aspekten.
Ich danke allen beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, dass sie sich in dieses Projekt eingebracht haben – dadurch reichen wir uns die Hände.
Ich danke Dr. Gregor Gysi, dass er die Schirmherrschaft zu diesem Kunstprojekt übernommen hat.